— Interview mit Dr. Heiko Fischer

Vorausschauen

Für unseren Wirtschaftsraum ist eine funktionstüchtige Infrastruktur überlebenswichtig. Auf welche Stellgrößen es ankommt, um den Schienengüterverkehr als Rückgrat intelligenter und nachhaltiger Logistiklösungen zu stärken, dazu bezieht der VTG-Vorstand Stellung.

DR. HEIKO FISCHER —

„Die Schiene ist die Lösung für die scheinbare Unvereinbarkeit von wachsendem Güterstrom und Klimaschutzzielen.“

Das Transportaufkommen in Europa steigt kontinuierlich, gleichzeitig ist der Güterverkehr verantwortlich für einen großen Teil des CO2-Ausstoßes. Welche Rolle nimmt die Schiene aus Ihrer Sicht hier ein?

Ich bin davon überzeugt, dass die Schiene einer der Verkehrsträger der Zukunft ist. Vor dem Hintergrund der Klimaschutzziele der Bundesregierung und der EU lässt die Steigerung des Transportaufkommens in den kommenden Jahren gar keinen anderen Schluss zu. Aktuell bietet nur die Schiene eine realistische Möglichkeit, die Transportkapazitäten umweltschonend zu steigern. Denn wenn man den CO₂-Ausstoß pro Tonnenkilometer betrachtet, ist sie mit großem Abstand der nachhaltigste Verkehrsträger. Länder wie die Schweiz zeigen, welches Potenzial der Schienengüterverkehr hat. Dort werden inzwischen rund 40 Prozent der Güter auf der Schiene transportiert, im europaweiten Durchschnitt sind es nur rund 18 Prozent. Da ist also noch viel Luft nach oben. Die Schiene ist die Lösung für die scheinbare Unvereinbarkeit von wachsendem Güterstrom und Klimaschutzzielen.

Wie sieht in diesem Kontext der Schienengüterverkehr der Zukunft aus?

Ich sehe die Schiene als Rückgrat intelligenter und nachhaltiger Logistik. Das bedeutet, dass sich der Schienengüterverkehr nahtlos in die Supply-Chain einfügt und Waren auf der Schiene schnell, effizient und kostengünstig transportiert werden. Der Schlüssel dazu liegt in einem Dreiklang aus moderner und intelligenter Technik, leistungsstarker Infrastruktur und europaweit einheitlichen regulatorischen Rahmenbedingungen. Auf dieser Grundlage kommen – zum Wohle der Gesellschaft – die ressourcenschonenden Eigenschaften der Schiene voll zum Tragen.

Was tut die VTG, um den Schienengüterverkehr in diese Richtung zu entwickeln?

Wir führen als erstes Unternehmen der Branche flächendeckend den digitalen Güterwagen ein. Seit Anfang des Jahres statten wir unsere gesamte europäische Waggonflotte mit einem Telematiksystem aus und können unseren Kunden mit unserem neuen Dienst VTG-Connect künftig detaillierte Standort- und Ereignisdaten liefern. So lassen sich die Wagen viel besser in die Logistikprozesse integrieren. Die Disposition der Waggons und damit des Ladeguts wird für den Kunden optimiert, was sich unmittelbar positiv auf dessen interne Abläufe auswirkt. Parallel können wir auf Grundlage der erhobenen Daten in Zukunft Wartungsintervalle genauer planen und die Verfügbarkeit der Wagen für unsere Kunden noch weiter erhöhen. Wir machen damit einen großen Schritt in Richtung vorausschauende Instandhaltung, die sowohl dem Kunden als auch uns Zeit- und Kostenersparnisse bringt. Mit der Einführung von VTG-Connect bringen wir den gesamten Schienengüterverkehr voran und schließen eine Lücke zu anderen Verkehrsträgern. Wie sehr die Branche auf diese Innovation gewartet hat, zeigt die enorme Resonanz auf unser neues Angebot.

„Wenn die richtigen Impulse gesetzt werden, kann die Stärke der Schiene voll zum Tragen kommen – und davon profitieren am Ende alle.“

Ist mit der Digitalisierung der Wagen alles getan?

Die Digitalisierung ist ein entscheidender, aber natürlich nicht der einzige Schritt in Richtung Schienengüterverkehr der Zukunft. Insgesamt investieren wir in den kommenden Jahren 1,2 Milliarden Euro in Innovationen. Die VTG engagiert sich bereits seit Jahren aktiv im Technischen Innovationskreis Schienengüterverkehr (TIS), um zusammen mit anderen Akteuren aus Forschung und Wirtschaft die Grundlagen für die Entwicklung eines leiseren, leichteren und energieeffizienteren Güterwagens zu entwickeln, der zudem niedrigere Betriebskosten aufweist und sich besser in die Logistikkette integrieren lässt. Inzwischen gehen wir damit auch in die Praxis: In den nächsten Jahren werden Mitglieder des TIS solche Waggons im Regelbetrieb testen. Außerdem arbeiten wir im Auftrag des BMVI zusammen mit DB Cargo im Rahmen eines Forschungsprojekts am „Innovativen Güterwagen“. Auch dieser wird bald in der Praxis erprobt. Als VTG arbeiten wir kontinuierlich daran, unser Angebot für unsere Kunden im Sinne optimaler Verfügbarkeit zu erweitern und verbessern. Ein Beispiel ist die erfolgreiche Einführung der Mobilen Revision und der Mobilen Instandhaltung. Damit bringen wir die Werkstatt direkt zum Wagen und führen Reparaturen, Instandhaltung oder turnusmäßige Kontrollen direkt vor Ort durch. Das macht den gesamten Logistikprozess effizienter.

Warum ist der Anteil des Schienengüterverkehrs dann nicht viel höher – gerade im Vergleich zu weniger umweltverträglichen Verkehrsträgern?

Der Wettbewerb zwischen den Verkehrsträgern ist aktuell verzerrt. Das betrifft zum einen die direkten Kosten: In letzter Zeit hat die Straße von einigen Entwicklungen stark profitiert, wie beispielweise von der Senkung der Lkw-Maut oder dem niedrigen Dieselpreis. Auf der anderen Seite wird der Schienenverkehr bei Trassenpreisen und der Strombesteuerung benachteiligt. Das macht die Straße im Vergleich auf den ersten Blick günstiger – für Wirtschaftsunternehmen natürlich ein Auswahlkriterium. Daneben hat die Schiene mit anderen strukturellen Faktoren zu kämpfen, die einen Bruch in der Logistikkette bedeuten, darunter zum Beispiel europaweit uneinheitliche Regulierungen. So kann ein Lkw heute mit dem gleichen Fahrer von Portugal bis Polen fahren, ohne auf nennenswerte Hürden zu stoßen. Im Schienengüterverkehr hingegen müssen an jeder Landesgrenze die Lok und der Lokführer getauscht werden, weil zum Beispiel Signalsysteme, Lichtraumprofile oder die Verkehrssprache von Land zu Land unterschiedlich sind.

Was muss sich aus Ihrer Sicht ändern, um die Position der Schiene zu verbessern?

Vergleichbare Spielregeln würden schon ausreichen. Genau wie auf der Straße brauchen wir auch für die Schiene in ganz Europa einheitliche regulatorische Rahmenbedingungen. Eine besondere Aufgabe kommt der Politik zudem bei Erhalt und Ausbau des Schienennetzes zu. Mit einer Ertüchtigung der Strecken für lange Güterzüge beispielsweise könnte eine deutliche Kapazitätserweiterung auf der Schiene erzielt werden. Aktuell sind in Deutschland nur 11 Prozent der Züge über 700 Meter lang, da die Strecken aufgrund fehlender Überhol- und Ausweichgleise nicht für mehr ausgelegt sind. Die Länge der Züge aber hat große Auswirkungen auf die Transportkosten und damit die Wirtschaftlichkeit der Schiene. Manchmal entscheidet nur ein Waggon mehr oder weniger darüber, ob die Ladung auf die Straße oder auf die Schiene geht. Mit entsprechenden Investitionen in die Infrastruktur ließen sich also enorme Fortschritte erzielen. Es erfordert bei einer Auto-Nation wie Deutschland natürlich auch eine gewisse Portion Mut, vielleicht sogar so etwas wie Abenteuerlust, die Schiene wieder auf Augenhöhe zu bringen. Aber wir glauben daran, dass es möglich ist! Wenn die richtigen Impulse gesetzt werden, kann die Stärke der Schiene voll zum Tragen kommen – und davon profitieren am Ende alle.